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Mein Chef der Tod

VonCarmen Hübner

Aug 28, 2020

Die Stimme meiner Mutter klang genervt. „Kommst du Julian?“
„Nein.“
„Aber Onkel Heinz stirbt.“
„Das tut er schon seit Jahren.“ Demonstrativ setzte ich mich auf einen der grünen Plastikstühle auf dem Flur der Kardiologie. „Und jedes Mal ist es falscher Alarm.“
In diesem Krankenhaus ist alles grün: der Fußboden, die Fensterrahmen und die Lampen. Keine Ahnung, was der Architekt sich dabei gedacht hatte, aber eines ist sicher. Das Aachener Klinikum ist das hässlichste Krankenhaus der Welt.
Meine Mutter ging zu Onkel Heinz ins Zimmer, wo schon die anderen Verwandten versammelt waren. Ich holte meinen Laptop aus dem Rucksack und schaute in meine Physikunterlagen.
Jemand setzte sich neben mich. Neben der komplett schwarzen Kleidung samt ins Gesicht gezogener Kapuze, fiel mir vor allem der modrige Geruch auf, der ihn umgab.
Aufdringlicher Kerl, dachte ich. Alle Stühle frei und er rückt mir auf die Pelle.
Mich fröstelte.
„Diesmal geht es wirklich zu Ende“, sagte er.
Während ich demonstrativ auf den Bildschirm starrte, sprach er unbeeindruckt weiter.
„Du solltest Dich von Onkel Heinz verabschieden.“
Seine Stimme klang hallend, als wären wir hier in einem großen leeren Raum. Ich sah mir den Kerl genauer an. Er hatte eine Sense in der Hand.
„Findest du das lustig?“, rief ich. „Soll es jemanden aufmuntern, wenn du rumläufst wie der Tod persönlich?“
„Ich bin der Tod persönlich.“ Er klang erstaunt.
„Du spinnst doch!“ Ich griff nach seiner Kapuze und riss sie herunter. Darunter war ein Totenschädel.
„Glaubst du mir jetzt?“ Eine Knochenhand kam unter der Kutte hervor und setzte sich die Kapuze wieder auf.
„Das ist ein schlechter Scherz“, erwiderte ich unsicher.
„Es ist eine anerkannte Tatsache, dass jeder Mensch sterben muss.“
„Muss ich etwa …?“ Mir wurde übel.
„Noch nicht“, sagte Tod.
Tante Karla stürmte aus dem Zimmer.
„Schwester“, rief sie. „Er atmet nicht mehr.“
Eine Krankenschwester und eine Ärztin kamen den Flur entlanggerannt, aber keine nahm Notiz vom Tod.
„Wieso kann ich dich sehen und sie nicht?“
„Deine Gene.“
Tod griff in seine Kutte und kramte darin herum. Dabei fiel etwas auf den Boden.
Ich hob es auf. „Ein Gameboy?“
„Manchmal dauert es halt etwas länger.“ Er verstaute den Gameboy und suchte noch eine Weile, bis er fündig wurde.
„Deine Ahnen waren Henker.“ Tod reichte mir eine Schriftrolle.
Ungläubig nahm ich ihm die Rolle ab und sah sie mir an. Darauf war ein Stammbaum zu sehen, der bis ins Mittelalter zurückreichte. Unter fast jedem Namen stand Scharfrichter oder Tochter eines Scharfrichters. Ganz oben las ich meinen Namen, Julian Richter.
„Du siehst, die Richters hatten schon immer ein besonderes Verhältnis zum Tod und da dachte ich, du könntest in die Fußstapfen deiner Ahnen treten.“
„Verarschst du mich?“
„Ich weiß nicht was das heißt“, antwortete Tod. „Aber es gibt viel zu viele Tote. Die Arbeit schaffe ich nicht mehr alleine.“
„Aber die Menschen werden immer älter“, gab ich zu überlegen. „Da müsstest du dich doch ziemlich langweilen.“
Tod sah mich verwundert an. „Es ist doch egal, ob ich eine Seele mit fünf oder fünfundachtzig Jahren hole.“
„Und wieso …?“
„Demnächst gibt es acht Milliarden Menschen auf der Welt“, erklärte er. „Das sind mehr Menschen, als es in der gesamten Menschheitsentwicklung gegeben hat. Ich brauche wirklich Unterstützung.“
„Aber ich habe noch so vieles vor im Leben.“
„Ich dachte an einen Teilzeitjob.“
So wurde ich Tods Assistent.

Lange Zeit hörte ich nichts mehr von meinem Arbeitgeber und allmählich begann ich schon, das Ganze für einen Tagtraum zu halten. Leider war dem nicht so.
Ich saß im Hörsaal der RWTH Aachen und schrieb eine Physikklausur, als ich neben mir eine Bewegung wahrnahm.
„Zeit für deinen ersten Einsatz“, sagte Tod feierlich.
„Jetzt?“ Ich sprach lauter als beabsichtigt.
„Psst“, sagte jemand hinter mir.
„Keine Gespräche“, rief der Assistent von vorne.
„Komm mit.“ Tod zog an meinem Ärmel.
„Nicht jetzt.“
Ich hob beschwichtigend die Hände, als mich viele wütende Blicke trafen.
„Kein Problem“, sagte Tod. „Steh einfach auf.“
Mit einem unguten Gefühl tat ich, was er sagte. Dabei spürte ich einen Sog, besser kann ich es nicht beschreiben. Während ich aufstand, blieb ein zweites Ich sitzen und schrieb die Klausur weiter.
„Und jetzt komm endlich.“ Eilig stieg er die Stufen hinauf, ich hinterher.
Zu meiner Erleichterung nahm niemand Notiz von uns.
„Deine Kleidung ist unpassend“, sagte Tod vor dem Hörsaal. „Zieh das über.“
Er reichte mir eine Kutte. Sie war pink und roch nach Mottenkugeln.
„Pink steht mir nicht.“ Entschlossen verschränkte ich die Arme.
„Aber eine Kutte ist Pflicht“, erklärte er. „Und meine schwarze Ersatzrobe hat Mottenlöcher.“
„Pink untergräbt die Autorität“, erklärte ich.
„Es ist dein erster Einsatz.“ Tod´s Stimme klang genervt. „Wie viel Autorität kannst du da schon ausstrahlen?“
„Na gut.“ Ich nahm die Robe und zog sie über.
Tod schlug einen Gong und der Flur der RWTH verschwamm.

Einige Augenblicke später wurde es wieder klar.
Es war schwül und das Licht wirkte sehr künstlich. Außerdem roch es nach Chlor. Zwischen Palmen lief eine Rutschbahn in ein riesiges Wasserbecken. Doch die vielen blutüberströmten Menschen störten die Idylle.
„Eine Saunaparty ist etwas ausgeartet“, sagte Tod trocken. „Das kommt davon, wenn man jedem Idioten eine Halbautomatik in die Hand drückt.“
„Mir ist schlecht.“ Ich lief zu einem Whirlpool und übergab mich.
„Hey Sie“, rief eine Frau. „Wissen Sie, was es kostet, das Wasser wieder zu reinigen?“
Erstaunt sah ich hoch.
„Sie haben ein Loch im Bauch“, sagte ich.
„Und sie Kotze am Kinn“, konterte sie.
„Jetzt komm endlich“, mischte Tod sich ein. „In einer Stunde gibt es eine Massenkarambolage auf der A2“
Widerwillig stand ich auf.
„Am besten kommen Sie mit mir mit“, sagte ich zu der Frau mit dem Loch im Bauch.
Dann lief ich zu einem Mann mit dickem Bauch und roter Badehose. „Sie kommen auch mit. Wohin auch immer.“
„Doch nicht so“, sagte Tod. „Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.“
„Wer seid ihr Scherzbolde denn?“ Die Frage kam von dem Toten mit der roten Badehose.
„Ich bin der Tod“, sagte Tod. „Und das ist mein Assistent.“
Er glitt zu einem Sprungbrett.
„Hören Sie mir zu.“ Seine Stimme hallte durch den ganzen Raum und übertönte sogar die Beachboys, deren Surfing USA noch immer aus dem Lautsprecher klang.
„Hier gab es vor kurzem einen Amoklauf.“
Einige Tote erhoben sich und redeten wild durcheinander. Wortfetzen wie „das Schwein“, „wenn ich den erwische“ oder „den bring ich um“, drangen zu mir herüber.
Durch die großen Panoramafenster drang blaues Licht hinein, das von vielen Polizeifahrzeugen stammte.
„Wir sollten uns beeilen“, rief ich. „Mein Chef und ich werden Sie jetzt einen nach dem anderen in die andere Welt begleiten.“
„Machst du Witze?“, rief ein junger, sportlicher Typ. „Das dauert doch ewig.“
„Er hat Recht“, rief eine weitere Tote. „Wir haben im Leben schon zuviel Zeit mit Warten verbracht.“
„Sammeln Sie sich bitte an der Strandbar“, erklang Tod Stimme. „Sie werden alle gemeinsam hinübergehen.“
„Ich bestehe auf meiner Einzelführung“, rief ein weiterer Toter.
„Und ich bestehe auf einem Anwalt“, sagte der sportliche Typ. „Ihr könnt uns nicht gegen unseren Willen mitnehmen.“
„Einige haben es noch nicht begriffen“, vernahm ich Tods Stimme in meinem Kopf. „Flüstere Ihnen ins Ohr, dass sie tot sind. Dann begreifen sie.“
Ich lief zu jedem, der nicht von selber aufstand. Nachdem ich kurz mit Ihnen gesprochen hatte, stand einer nach dem anderen auf und ging zur Strandbar.
Nur einer blieb sitzen.
„Stimmt nicht“, widersprach der sportliche Typ.
„Du bist tot“, wiederholte ich meine Worte.
„Ich ernähre mich gesund.“
„Du bist tot“, sagte ich ein drittes Mal.
„Und treibe regelmäßig Sport.“ Er verschränkte die Arme.
„Kapier es endlich“, hallte Tods Stimme durch das Schwimmbad.
Zu meinem Erstaunen erhob sich der Sportliche und lief zu den anderen, die an der Strandbar auf uns warteten.
„Gut gemacht“, sagte Tod, nachdem wir alle ins Jenseits begleitet hatten.
Er überreichte mir ein Paket.
„Deine eigene Robe“, sagte er feierlich.
„Die ist hoffentlich nicht pink.“
Ich öffnete das Paket. Darin lagen eine nagelneue schwarze Robe, ein Strick, der als Gürtel diente und eine Sense.
Stolz streifte ich meine Dienstkleidung über, die ich noch viel Male in den kommenden Jahren tragen sollte.

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